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21.11.2012, 06:00 Uhr | Schwäbische Zeitung / Kai Lohwasser
Parteibasis spart die unbequemen Fragen nicht aus
Familie, Verantwortung, Werte: CDU-Ortsverband diskutiert über die christliche Komponente des Parteinamens
„Ein Thema, das für Gesprächsstoff sorgt“, hat Manuel Plösser, der Vorsitzende des CDU-Ortsverbands, versprochen. Und sein Wort bei der Diskussionsveranstaltung „Das C in der CDU – Anspruch und Verpflichtung“ am Montagabend gehalten. Mehr als 30 Interessierte hatten sich im Bonhoefferhaus eingefunden, um zu erfahren, was die Podiumsteilnehmer Pfarrer Bernd Herbinger von der katholischen Gesamtkirchengemeinde, Pfarrer Hannes Bauer vom evangelischen Pendant und der Landtagsabgeordnete Ulrich Müller (CDU) zu sagen hatten. Und das barg Sprengstoff.  

 

Dass das Thema immer noch aktuell ist, hob Ulrich Müller hervor, „so aktuell, dass es einen ganzen Raum füllt“. Zugleich stellte er aber klar: „Wir sprechen nicht über E wie Ethik oder W wie Werte.“ So sei das „C“ in CDU kein politisches Programm, sondern etwas, das sich aus der Religion heraus auf die Politik auswirkt. Und damit auf diejenigen, die Politik unter dem christlichen Banner betreiben. Wichtig war für Müller deshalb: „Der Mensch ist eben nicht das Maß aller Dinge, sondern Gott.“ Der „Verantwortung vor Gott“ müsse sich deshalb stellen, wer christliche Politik machen will. Doch was bedeutet diese Beziehung für die Politik? Und ist eine solchermaßen orientierte Politik zeitgemäß? Wenigstens letztere Frage wurde mehrheitlich mit „Ja“ beantwortet.

Gerade in Hinblick auf schwindende Mitgliederzahlen sowohl bei der Parteibasis, als auch auf kirchlicher Seite, formulierte Plösser, was viele Anwesende wohl dachten: „Immer weniger junge Menschen bekennen sich zu Grundwerten.“ Plösser fragte deshalb: „Sind wir zukunftsfähig?“ Für Pfarrer Hannes Bauer lag die Antwort auf der Hand: „Auf jeden Fall.“ Und das auch, wenn der Altersdurchschnitt der Anwesenden in etwa so sei, wie „bei einem durchschnittlichen Sonntagsgottesdienst“. Denn: „Es gab eine Zeit, in der waren junge Leute politikverdrossen. Das ist nicht mehr so. Da bewegt sich momentan etwas.“ Das stelle er insbesondere im Konfirmandenunterricht fest. Auf die Frage, welches das wichtigste der Zehn Gebote sei, würden ihm diese jungen Menschen stets „das fünfte Gebot“ zur Antwort geben. „Das Kriegsgemetzel halten die nicht mehr aus.“ Im Übrigen seien vergangenes Jahr nur 20 Kirchenaustritte zu verzeichnen. Eine Zahl, die keineswegs Veranlassung gebe, die Hände in den Schoß zu legen. Aber eine Zahl, die Mut mache.

 

Hellwach zeigten sich Besucher und Diskutanten beim Thema Homosexualität. „Ich habe nichts gegen gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Aber ich hab’ was dagegen, dass versucht wird, eine Gleichstellung mit der Ehe vor dem Gesetz herbeizuführen“, brüskierte sich der ehemalige Erste Bürgermeister Dieter Hornung, der eine Verpflichtung ausmachte, gesellschaftliche Werte zu vermitteln. „Wenn Sie eine gleichgeschlechtliche Ehe...“, hob Pfarrer Bauer an, wurde jedoch umgehend von einem Zwischenruf aus dem Publikum unterbrochen: „Das ist keine Ehe!“Pfarrer Bernd Herbinger stellte sich angesichts des Mitgliederschwunds die Frage nach der sozial-edukativen Verantwortung: „Wenn wir nicht mehr zwei Drittel der Bevölkerung stellen, warum sollen wird dann noch zwei Drittel der Kindergärten betreiben?“ Klar sei, dass die fortschreitende Abnahme Kirchensteuer zahlender Christen auch im Kontext des karitativen und sozialen Engagements der Kirche zu sehen sei.

 

Was ist Ehe, was versteht man unter Familie? „Füreinander einstehen, Kinder kriegen, Kinder nach Idealen erziehen, und zwar in guten wie in schlechten Zeiten – Familie ist etwas, das unersetzlich ist. Deshalb bin ich klar für Privilegien“, positionierte sich Ulrich Müller. Auch sei völlig klar, wem man diese Vergünstigungen zukommen lassen will: „Dem, der in einer Beziehung lebt, die sozial wertvoll ist.“ So sei eine Beziehung zwischen Mann und Frau „die bessere Lebensform“, auch wenn es immer mehr gleichgeschlechtliche Verbindungen gebe. „Es muss einen Unterschied in der Bewertung geben“, forderte Müller, der auch dann an dieser Dogmatik festhalten würde, „wenn wir die Zustimmung bei den Wählern nicht mehr haben“.

 

In der katholischen Kirche sei ein „deutliches Pro“ für die Familie auszumachen, drückte Herbinger sehr zurückhaltend aus, was der Vatikan unlängst in aller Deutlichkeit in einem Verdikt gegen die Eheschließung von Homosexuellen verkündet hatte. Die Kirche will danach an der Lehre festhalten, auch wenn „politisch korrekte Ideologien in jeder Kultur der Welt Einzug halten“, wie es in der Zeitung des Apostolischen Stuhls „L’Osservatore Romano“ hieß. Soweit wollte sich Herbinger nicht aus dem katholischen Fenster lehnen, aber: „Wir sagen jetzt (und vielleicht auch noch in 20 Jahren), eine Familie basiert auf einer Beziehung zwischen Mann und Frau. Das wäre das Ideal.“ Hannes Bauer versuchte einzulenken: „Ich kann keinem Menschen vorwerfen, einen bestimmten Lebensstil zu haben. Wir müssen vorsichtig sein mit pauschalen Meinungen.“

 

Dass ein Großteil der nachkommenden Generation in der Tat einen anderen Lebensstil pflegt, als die Älteren, einen Lebensstil, der auch ohne Papst und Kirche auskommt, einen Lebensstil, der sich mehr an Aufklärung, denn an Dogmen orientiert, wurde bei Wortmeldungen aus der Zuhörerschar deutlich: „Wir Älteren hängen schon sehr stark an dieser Symbiose aus Partei und Kirche. Ob das unsere Kinder so noch mittragen wollen, bezweifle ich.“ 

 

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